Freitag, 14. August 2015

Studium tötet Kreativität

Als ich 2010 mein Studium begonnen hatte, war alles aufregend, alles neu, alles so inspirierend.
Man zog in eine neue Stadt, in die erste eigene Wohnung, traf auf Menschen, die dir schon mal so weit ähnelten, dass sie das selbe Studienfach gewählt hatten, Partys, Erfahrungen, Selbstorganisation - das typische Studentenleben eben. Wie sehr ich mich doch täuschen ließ ...

Das perfekte Studentenleben!

Ich habe (und tue das eigentlich noch immer) die Studenten bewundert, die scheinbar grenzenlose Energie und Kreativität besitzen und nebenbei ganz spielerisch noch ihr Studium meistern.
Diese Studenten schreiben Artikel für Studentenzeitungen, betreiben ihren eigenen Blog, verkaufen selbst gemachten Schmuck auf Dawanda, machen entweder melancholische oder lebensbejahende Fotografien mit ihrer DSLR, machen Yoga, lesen jeden Tag ein Buch, treffen sich zum Philosophieren über das Leben, veröffentlichen E-Books, betreiben einen YouTube-Channel, gehen zweimal die Woche zum Ausdruckstanz, sie posten ihre Cupcakes auf Instagram, gründen vielleicht noch ihre eigene kleine Firma und twittern über politische Ereignisse - um nur die Kür zu nennen. Natürlich haben sie einen herausragenden Notenschnitt, lassen kein Festival und keine Party aus, engagieren sich ehrenamtlich im Tierheim und jobben nebenbei.

Ich wünsche mir noch immer, dass man das wirklich alles unter einen Hut bekommen kann. Ich ließ mich im 1. Semester von dieser Imagination des perfekten Studentenlebens leiten und wollte vor allem meiner Kreativität freien Lauf lassen, von der ich massig hatte und die besonders während der Abiturzeit zu kurz kam. Ich wollte schreiben und Bücher lesen, fotografieren und mit selbst gebastelten Dingen ein bisschen Taschengeld verdienen. Die Ideen sprudelten nur so aus mir heraus. Zuallererst gründete ich meinen eigenen Blog und kaufte mir 10 Bücher auf Amazon ... und hier sollten wir 5 Jahre in die Zukunft spulen.

Ich stehe jetzt am Ende meines Studiums, schreibe gerade meine Masterarbeit. Und die Bilanz meiner künstlerisch-kreativen Findungsphase?
Der Blog pausierte ganze 4 Jahre. Von den 10 Büchern, die ich mir damals kaufte, habe ich 2 gelesen. Ich habe kein Buch geschrieben, die Kamera verstaubt in der Ecke, mit Yoga habe ich angefangen und wieder aufgehört ... und das ist nur der Anfang der Liste.

Generation Lebenslauf

Neulich traf ich zufällig auf eine Kommilitonin, mit der ich im 1. Semester ein paar Kurse besucht hatte. Als ich von meiner Masterarbeit erzählte, schien sie zuerst erstaunt, dann lächelte sie etwas verlegen. Sie sei noch im Bachelorstudium, sagte sie, habe die Kurse ein wenig aus den Augen verloren, weil sie so viel nebenher gemacht habe. Und da sie die Regelzeit überschritten habe und sie keine BAföG-Zahlungen mehr erhalte, müsse sie nun nebenbei sehr viel Jobben - sie war aber trotzdem sehr glücklich mit allem.

Nach dem Gespräch fühlte ich mich schlecht - aber nicht, weil ich Mitleid mit ihrem verzögerten Studium hatte, sondern weil ich das Gefühl bekam, etwas falsch gemacht zu haben. Sie war überglücklich gewesen, dass sie die freie Zeiteinteilung des Studiums damit verbrachte, kreative Projekte auf die Beine zu stellen. Und ich war schlichtweg ein wenig neidisch, auch wenn ich wusste, dass ich nicht aus meiner Haut konnte.

Ich muss gestehen - ich gehöre zur sogenannten "Generation Lebenslauf", was sich aber erst im Laufe des Studiums entwickelte. Konkret: Alles, was nicht positiv erwähnenswert auf dem Lebenslauf ist, wird nicht gemacht. Einige treiben das sogar so weit, dass sie ihre sogenannte Freizeit mit Hobbys ausfüllen, die allein dazu dienlich sind, ihnen später bessere Berufschancen zu ermöglichen. Das muss nicht unbedingt schlecht sein - kam bei einigen meiner Kommilitonen aber fast schon zwanghaft rüber.

So schlimm war es bei mir nicht. Trotzdem nahm ich mein Studium sehr ernst, in den Semesterferien absolvierte ich Praktika, nebenbei arbeitete ich als Studentische Hilfskraft, belegte alle möglichen Seminare für Zusatzqualifikationen und Computerkurse. Da kam die Kreativität einfach zu kurz. Trotzdem sind die Jobaussichten für Geisteswissenschaftler alles andere als rosig, egal wie viel Praxiserfahrungen oder gute Noten man mitbringt. Deshalb frage ich mich nun: Hat es sich gelohnt?

Ich bereue in meiner Studienlaufbahn nichts. Ich will auch nicht jammern. Dennoch bleibt mein nüchternes Fazit im Endspurt:

Das Studium tötet die Kreativität

Daher würde ich gerne ein paar andere Erfahrungen hören. Ist das von mir hochgelobte (und natürlich etwas übertriebene) "perfekte (kreative) Studentenleben" überhaupt möglich? Oder ist das eine Traumvorstellung, übrig geblieben aus der Zeit vor dem Bachelor-Master-System? Ich weiß, man kann nicht immer alles haben. Aber wieso bleibt am Ende doch ein wenig Wehmut?

Vielen Dank an alle, die bis hierhin gelesen haben. Fühlt euch frei und hinterlasst mir einen Kommentar. Ich würde mich sehr darüber freuen.

Viele Grüße
Spidy

Kommentare:

  1. Als jemand der grad vorm Studium steht mach ich mir Sorgen dass es mir ähnlich ergehen könnte. Grad weil ich an ner Fachhochschule anfange wo man nicht mal die Möglichkeit hätte es langsamer angehen zu lassen... Ui, wird spannend, aber ich hoffe zumindest ein bisschen lassen sich auch noch eigene kreative Projekte verfolgen...

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Immerhin ist es ja ein kreatives Studium, also zumindest ganz wird meine Kreativität sicher nicht absterben, nur grad wenn ich ohnehin schon für die Schule Projekte machen muss werden vielleicht die eigenen Sachen total untergehen. Aber naja, erstmal schauen wie's dann tatsächlich ist ^^
      Und ich werd auf jeden Fall versuchen, den Blog am Laufen zu halten, grad wegen Kommentaren wie deinem - Ist immer toll wenn jemandem meine Comics tatsächlich gefallen :)

      Löschen
  2. Ich gebe dir da vollkommen recht... Ich lese kaum mehr (außer Skripte von den Profs) und bin nicht mehr so kreativ wie früher. Mein Studium ist sehr fordernd, sodass ich in meiner Freizeit nur Lernen kann. Den Blog halte ich nebenbei gerade so am Laufen.Ich glaube, dass man damals als Diplom-Student viel mehr Zeit für die schönen Dinge des Lebens hatte, beim Bachelor ist nur noch Hetzen angesagt :(
    Liebe Grüße
    LianaLaurie

    AntwortenLöschen